Das Libretto
Das erste Jahr war also ganz dem Studium und der Vertiefung der Seligpreisungen gewidmet, die mich über einen langen Zeitraum in eine ganz andere Welt versetzt hatten. Meine Gedanken und Schlussfolgerungen dazu lassen sich im Exposé zum Pop-Oratorium #Himmelreich nachlesen.
Nun ging es darum, die Kernpunkte – die Botschaft – in eine greifbare Geschichte zu packen, die einem breiten Publikum so gut wie nur möglich zugänglich werden kann. Da ein großer Teil der Seligpreisungen an Menschen gerichtet ist, die aufgrund ihres Zustands ganz unten im weltlichen Rang und Ansehen angekommen sind, wollte ich die Geschichte in die Gegenwart bringen, in eine Großstadt voller Kontraste. Und genau in diese Zeit der Auseinandersetzung kam der erste Lockdown und diese Kontraste wurden noch extremer: Sinnbildlich – als ein Beispiel von vielen – waren für mich Obdachlose, die vor Supermärkten um Wasser bettelten, weil die öffentlichen Stellen geschlossen waren. Kein Wasser? Durst? In Deutschland? Es folgten die unterschiedlichsten und verücktesten Erfahrungen. Ich konnte und durfte mich dabei zum Schreiben zurückziehen. Was für ein Geschenk.
Es folgten viele Begegnungen mit Menschen auf der Straße. Wir aßen und tranken zusammen und ich hörte mir so viele wunderbare Geschichten an. Ich lernte großartige Menschen kennen und schämte mich für meine Sicht und meine Vorurteile. Umso mehr reifte die Figur von Marc, der diese Kontraste in #HIMMELreich erleben sollte. Liebesgeschichten sind in vielen Stoffen das Mittel, uns Menschen die Sehnsucht auf das Wesentliche aufzuzeigen. Mit Victoria sollte Marc daher ein Gegenüber bekommen, das ihm die Seligpreisungen zugänglich macht.
Und bei aller Tiefe und Bedeutung der Seligpreisungen – die christliche Botschaft ist mehr als nur ein alltagstauglicher Lebensratgeber, sie ist eine Kraft, bei der die Liebe und Hoffnung über den Tod hinaus gehen. Somit stand für mich auch die Geschichte der letzten Seligpreisung fest.
Auch wenn nun der Rahmen stand, die Details waren müßig. Manche Liedtexte sprudelten wie von selbst über die Tastatur, andere hingen über mehrere Wochen in der Luft und es schien nicht vorwärts zu gehen. Auch die ausgearbeitete Geschichte lies lange auf sich warten. Nachdem die Liedtexte aber standen, konnten Sigi und Christoph endlich mit dem Komponieren beginnen und ich im Kreativtief pausieren und auf ihre Musik warten. Und das war gut so. Denn die Musik von #HIMMELreich war bereits im Rohformat so eindrücklich und tief – #HIMMELreich wie aus einem Guß. Sie half mir, erneut in die Welt einzutauchen und die Geschichte zu Ende zu schreiben. Im Nachhinein eine erkennbare Segenslinie.
Die Regie
Nachdem im Libretto die Geschichte nur in der Fantasie existierte, ging es in der folgenden Regiearbeit darum, diese lebendig werden zu lassen und durch viele individuelle Persönlichkeiten zu einer ganz eigenen Dynamik zu verhelfen. Die gemeinsame Suche nach den passenden Darstellern erwies sich durch die Verschiebung der Aufführungen von 2022 als besonders herausfordernd. So waren wir froh über die Zusage fast aller Beteiligten, auch in 2024 mit dabei zu sein, doch die letzten Rollen konnten wir erst wenige Wochen vor Beginn der eigentlichen Proben final besetzen.
Als im November die ersten gemeinsamen Proben mit dem Hauptcast begannen, waren wir gespannt, wie sich alles entwickeln würde. Von Profischauspielern ohne Gesangserfahrung bis zu Profisängern ohne Schauspielerfahrung war alles dabei.
Gegenüber ICH BIN in 2018 und 2019 war dieses Mal nicht nur die Herausforderung, bei gleicher Probenzeit komplett von vorne zu beginnen. Ich wollte die Geschichte gerne aus einem Guss haben, Musical-Charakter mit Schauspiel für alle Akteure. Bei ICH BIN waren dagegen Gesangs- und Schauspielparts noch stärker getrennt.
So war es bei der Probenplangestaltung besonders knifflig, alle Szenen mitsamt ihren Beteiligten ohne große Leerläufe auf die wenigen Probenwochenenden zu verteilen. Auch konnten wir uns keine Ausfälle leisten. Wir waren auf jeden einzelnen angewiesen. Eine Zweitbesetzung für zwei Aufführungen war nicht umsetzbar. Gott sei Dank haben es alle gut über die Winterzeit geschafft. Ein bisschen durften wir improvisieren, indem wir an einem Wochenende eine Hybrid-Probe ins Leben riefen. Ein an Corona erkrankter Darsteller interagierte auf einem von der Regieassistentin gehaltenen Tablet per Videochat mit den anderen Darstellern live in der Spielszene.
Schon bei den ersten Proben waren die unglaubliche Energie und eine wunderbare Gemeinschaft zu spüren. Der Startschuss eines faszinierenden Ensembles, bei dem das Zuschauen bereits mit den ersten Szenen großen Spaß und Lust auf mehr machte.
Es ist wunderschön zu erleben, wie sich Figuren, die man zuvor nur in seinem Kopf hatte, auf einmal lebendig werden, auf ganz persönliche Weise etwas ganz Neues kreieren und die Geschichte erweitern und vertiefen. Und so sind wir über die vielen Wochen zusammengewachsen. Aber auch alle Beteiligten sind in dieser Zeit über sich hinaus gewachsen und haben sich weiterentwickelt. Allein das ist schon ein Genuss zu erleben. Umso größer die Vorfreude auf das, was jetzt endlich final zusammenkommt: #HIMMELreich.
Benjamin Stoll